Marburger Landgrafenschloss

Im Jahr 1989 begannen die Renovierungsarbeiten im Westflügel des Marburger Landgrafenschlosses. Das erste nutzbare Geschoss liegt in diesem Teil des Schlosses ca. 8-10 m über dem sich westlich anschließenden Außenniveau, weshalb immer angenommen wurde, dass der Westflügel ehemals auf einer herausragenden Felskuppe errichtet worden sei. Um diese Annahme zu klären bzw. zu bestätigen, wurde seinerzeit lediglich eine baubegleitende archäologische Beobachtung bei der Erneuerung des Bodenaufbaus im sog. „Unteren Westsaal“ vorgesehen.

Schon bald wurde durch diese Baubeobachtung und durch Kernbohrungen klar, dass sich bis in 8 m Tiefe kein Felsen, sondern Mauerstrukturen befanden. Um eine archäologische Freilegung innerhalb des Gebäudes zu ermöglichen, wurde vom damaligen Hess. Staatsbauamt eine äußerst aufwendige Stahlkonstruktion im darüber liegenden Geschoss eingebracht, um die den Oberbau tragenden, etwa 50 kg schweren Säulen zu entlasten und das Gesamtgewicht des oberen Saales und des Daches auf die Außenwände zu übertragen.

Die sich anschließenden archäologischen Ausgrabungen erfolgten über 15 Monate und wurden zwischenzeitig von bis zu 20 Mitarbeitern durchgeführt.

Die Ergebnisse waren sensationell. Der älteste Befund war ein aus dem 9./10. Jh. stammender Saalgeschossbau von 16 x 9,5 m Seitenlänge, dessen westliche Hälfte bis zu 4 m hoch erhalten war. Dieser wurde im 11. Jh. zu einem quadratischen Wohnturm (9,5 x 9,5 m) umgebaut. Den Wohnturm hatte man mit einer polygonalen, 8 m hoch erhaltenen Ringmauer umgeben, die auf einer Länge von über 30 m freigelegt werden konnte. Der Raum zwischen Ringmauer und Wohnturm war verfüllt und mit Kalkwasser getränkt worden, wodurch die Füllung eine hervorragende Festigkeit bekam und Zerstörungssicherheit gewährleistete. Schließlich konnte auf diesem massiven Fundament aus Ringmauer, Wohnturm und verfestigter Auffüllung der spätere Westflügel des Marburger Schlosses errichtet werden.

Die Baugeschichte des Marburger Schlosses war damit neu geschrieben und eine älteste Burganlage aus dem 9./10. Jh. nachgewiesen.

Die Ausgrabungsbefunde wurden restauratorisch so aufgearbeitet, dass sie vom Hofniveau aus begangen und durch eingebaute Glasbodenplatten im „Unteren Westsaal“ von oben eingesehen werden können.

2018-08-14T22:05:16+00:00
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